Recht allein reicht nicht mehr
Das klassische Berufsbild der Juristin oder des Juristen war lange klar umrissen: Gesetz, Auslegung, Anwendung. Doch die digitale Transformation verschiebt die Grenzen des Berufs. Technologie, Prozesse, Daten und Geschäftsmodelle greifen ineinander. Recht steht nicht mehr isoliert – sondern im System.
Wir haben drei Expertinnen und Experten zu ihrer Sicht der Dinge befragt – und schnell wurde deutlich: Es geht nicht um ein Entweder-oder zwischen Recht und Technologie, sondern um ein neues Selbstverständnis juristischer Arbeit.
Für Lina Keßler, Co-Founder von TiLD Consulting und Vorständin des Liquid Legal Institute, besteht kein Widerspruch zwischen technologischer Effizienz und juristischer Verantwortung – im Gegenteil: „Effizienz und Verantwortung bedingen sich gegenseitig.“ Juristinnen und Juristen trügen die Verantwortung, Recht so zu standardisieren, zu automatisieren und zugleich effizient wie effektiv zu gestalten, dass es auch künftig gesellschaftliche Wirkung entfalten könne. Gerade im Kontext von KI im Rechtsmarkt bedeute das: Technologie darf nicht nur beschleunigen, sondern muss strukturell verbessern.
Auch Markus Englmeier, Executive Director des Liquid Legal Institute, betont, dass Technologie erst ihren Wert entfaltet, wenn sie nicht Selbstzweck bleibt, sondern Zugänglichkeit, Verständlichkeit und Fairness verbessert. „Fortschritt misst sich daran, ob mehr Menschen Recht verstehen und nutzen können.“ Wenn Routineprozesse intelligent automatisiert würden, entstehe Freiraum für das, was juristische Arbeit im Kern ausmache: strategisches Denken, Einordnung, menschliche Kommunikation.
Maraja Fistanić, Vorstandsvorsitzende des Legal Tech Verbands Deutschland, erweitert den Blick um die kulturelle Dimension. Politik könne steuern, Technologie könne skalieren – „aber ohne Menschen, die beides sinnvoll verbinden, passiert nichts.“ Der entscheidende Hebel sei kultureller Wandel. Geistige Beweglichkeit, kritisches Denken, Neugier und Mut zur Veränderung seien zentrale Kompetenzen, um mit der Dynamik technologischer Entwicklungen Schritt zu halten. Das gelte für etablierte Kanzleien ebenso wie für Start-ups an der Schnittstelle von Recht und Innovation.
Gemeinsam zeichnen diese Perspektiven ein klares Bild:
Die Zukunft des Rechtsmarkts entsteht nicht allein durch neue Tools, sondern durch neue Denkweisen.
Interdisziplinarität ist kein Zusatz mehr – sie wird zur Voraussetzung.
Diese unterschiedlichen Perspektiven auf Zusammenarbeit, Kultur und Transformation stehen auch im Mittelpunkt der legalXchange 2026 – wenn Akteure aus Wirtschaft, Justiz, Forschung und der Legal-Tech-Szene zusammenkommen.