Transformation-Partner JUNE im Gespräch
Legal Tech und Zukunftsfragen des Rechts: JUNE über juristische Prozessautomatisierung in Zeiten von KI.
Wie gelangen Rechtsabteilungen von ersten Use Cases zu echter End-to-End-Transformation? Diese Frage und mehr haben wir unserem Transformation-Partner JUNE in einem Interview gestellt.
Frage 1: Vision & Marktverständnis
Wie definiert JUNE langfristig die Rolle von KI in der juristischen Prozessautomatisierung – geht es primär um Effizienzsteigerung in High‑Volume‑Verfahren oder verfolgt JUNE das Ziel, juristische Arbeit grundsätzlich neu zu strukturieren und damit neue Rollen- und Kompetenzprofile in Rechtsabteilungen zu prägen?
Antwort: Ich würde zunächst gern den Blick auf das produzierende Gewerbe richten. Da wird schnell klar: Die händische Manufaktur begegnet uns, wenn überhaupt noch, im Luxussegment. Überall dort, wo Erzeugnisse in größeren Stückzahlen zu marktüblichen Kosten produziert werden müssen, sind automatisierte Produktionsprozesse Pflicht. Die Industrialisierung hat für Entwicklung, Wachstum und Fortschritt gesorgt. Unsere moderne Welt wäre ohne automatisierte Produktionsprozesse schlicht nicht denkbar.
Im Rechtswesen meint man zuweilen, die geistige Manufaktur sei das Nonplusultra. Überall dort, wo das juristische Hochreck gefordert ist, wird das ganz sicher auch so sein – und hier unterstützen seit einigen Jahren zahlreiche Anbieter, die die bekannten Sprachmodelle für juristische Zwecke veredeln.
Aber Jura ist nicht nur individueller Streit, eine Transaktion oder der anzupassende Vertrag. Jura ist in vielen Rechtsabteilungen und Kanzleien, in Banken und Versicherungen, in Gewerkschaften und Verbänden, in Justiz und Verwaltung ein Massengeschäft. Wenn eine Organisation Hunderte oder Tausende Verfahren zu bearbeiten hat, dann ist das kein Randthema, sondern Kerngeschäft. Und hier reicht Effizienzsteigerung als Ziel nicht aus. Effizienz bedeutet, dasselbe schneller zu tun. Was wir beobachten, ist ein anderes Problem.
Juristen, die gut ausgebildet sind und hart arbeiten, verlieren trotzdem die Kontrolle – über Fristen, über Fallstatus, über die Kommunikation mit externen Beteiligten. Ab einem bestimmten Volumen setzt eine juristische Kettenreaktion ein: Eine verpasste Frist eskaliert in drei weitere Verfahren, ein ungeklärter Fall zieht den nächsten nach sich, und plötzlich verliert das gesamte Team den Überblick. Organisationen brauchen deshalb keine schnellere Manufaktur. Sie brauchen eine grundlegend andere Art zu arbeiten. Und genau aus dieser Erfahrung heraus ist JUNE entstanden.
Was dabei langfristig entsteht, verändert tatsächlich, welche Aufgaben Menschen übernehmen – und welche Fähigkeiten dafür gefragt sind. Wir sehen bereits heute, wie neue Rollen entstehen: Legal Operations Manager, die Prozesse designen, statt Akten zu führen. Juristen, die Daten lesen und Workflows steuern, statt Routinekorrespondenz zu verfassen. Das ist keine Bedrohung bestehender Berufsbilder – es ist eine Aufwertung. Und ich erlebe, dass die besten Legal Teams das aktiv gestalten, anstatt darauf zu warten, dass es passiert.
Was heute von den großen Akteuren der Branche genutzt wird, wird zum juristischen Mainstream – weil die Komplexität und das Volumen juristischer Arbeit schlicht keine andere Wahl lassen.
Frage 2: Technologiekern
Ihr beschreibt, dass JUNE juristische Prozesse End‑to‑End orchestriert, Wissen autonom strukturiert und skalierbar macht. Welche Kernkomponenten der Plattform ermöglichen diese tief integrierte Automatisierung.
Antwort: Was JUNE von anderen Ansätzen unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der wir den gesamten Prozess abbilden – vom ersten Eingang eines Schriftstücks bis zur finalen Entscheidung und dem Reporting darüber. Viele Lösungen setzen an einzelnen Schritten an. JUNE denkt den gesamten Ablauf.
Konkret bedeutet das: Fälle kommen über verschiedene Kanäle rein – E-Mail, API, Formulare – und werden sofort strukturiert. KI-gestützte Extraktion und Dokumentenklassifikation sorgen dafür, dass relevante Daten automatisch erkannt und zugeordnet werden, ohne dass jemand manuell eingreifen muss. Darauf aufbauend steuert ein adaptives Workflow-System die Fallbearbeitung mit dynamischer Aufgaben- und Fristensteuerung, die sich an den tatsächlichen Verlauf eines Verfahrens anpasst. Dokumente werden automatisiert generiert und versandt. Und über allem liegt ein vollständiger Transparenz-Layer – jeder Fall, jede Frist, jede Aktivität ist nachvollziehbar und in Echtzeit reportbar.
Was dabei oft unterschätzt wird, ist die Wissenskomponente. Jedes bearbeitete Verfahren hinterlässt strukturierte Daten: Wie wurde klassifiziert? Welche Argumente wurden eingesetzt? Welche Entscheidungen wurden getroffen, und mit welchem Ergebnis? JUNE macht dieses Wissen systematisch nutzbar – nicht als Archiv, sondern als aktiver Bestandteil der Fallbearbeitung. Organisationen bauen damit über die Zeit einen echten Wissensvorsprung auf, der sich in besseren Entscheidungen, kürzeren Bearbeitungszeiten und konsistenterer Qualität niederschlägt.
Und weil wir wissen, dass keine Rechtsabteilung auf der grünen Wiese anfängt: JUNE ist so gebaut, dass es sich in bestehende Systemlandschaften integriert – ob DMS, ERP oder Kommunikationsinfrastruktur. Datensicherheit und Compliance sind dabei keine nachgelagerten Überlegungen, sondern Bestandteil der Architekturentscheidungen von Anfang an. Gerade für große Organisationen ist das oft die eigentliche Voraussetzung dafür, dass eine Lösung überhaupt in Betracht kommt.
Frage 3: Differenzierung
Worin unterscheidet sich JUNE technologisch von anderen KI‑gestützten Contract‑ oder Workflow‑Tools am Markt?
Antwort: Die meisten Lösungen, die ich im Markt sehe, adressieren einen spezifischen Schritt im juristischen Prozess – Vertragsanalyse, Dokumentengenerierung, Recherche. Das sind sinnvolle Tools, die einzelne Aufgaben schneller machen. Die eigentliche Frage stellt sich erst bei einem anderen Maßstab: Wie steuere ich hunderte oder tausende parallele Verfahren so, dass kein Fall durch das Raster fällt, kein Fristenriss entsteht und ich jederzeit weiß, wo ich stehe?
Dafür braucht es eine andere Architekturentscheidung. Bei JUNE ist KI kein Layer, der nachträglich über Prozesse gelegt wird – sie ist von Anfang an als operativer Bestandteil gebaut. Ein Multi-Agenten-System läuft kontinuierlich im Hintergrund, koordiniert parallele Verfahren, erkennt Abweichungen und greift regelbasiert ein, ohne dass ein Mensch jeden einzelnen Schritt anstoßen muss. Die Klassifikation und Extraktion eingehender Dokumente basiert auf Modellen, die auf juristischen Inhalten trainiert und auf die spezifischen Anforderungen unserer Kunden angepasst wurden. Das ist kein generisches Sprachmodell mit einem juristischen Prompt obendrauf.
Der dritte Unterschied ist Enterprise-Readiness. JUNE ist in Europa gehostet, DSGVO- und DSA-konform, und hat sämtliche IT-Security-Prozesse großer Organisationen durchlaufen. Das klingt nach operativem Detail – aber wer schon einmal versucht hat, eine neue Software in einer Lufthansa oder einem vergleichbaren Unternehmen einzuführen, weiß, dass genau das über Erfolg oder Scheitern entscheidet. Technologische Überlegenheit hilft wenig, wenn man die Sicherheitsanforderungen nicht erfüllt.
Frage 4: Skalierung & Implementierungserfahrungen
In euren Aussagen verweist ihr auf die Zusammenarbeit mit großen Organisationen und die Fähigkeit, Hunderte Fälle parallel zu steuern.
Welche Lessons Learned habt ihr aus bisherigen Implementierungen gewonnen – insbesondere hinsichtlich Change Management, Prozessdesign und der Frage, wie Rechtsabteilungen von ersten Use Cases zu echter End‑to‑End‑Transformation gelangen?
Antwort: Was wir in Implementierungen immer wieder beobachten: Organisationen kommen mit einem technischen Anliegen und stoßen dabei auf etwas anderes. Sie verstehen ihre eigenen Prozesse schlechter, als sie dachten. Wie kommt ein Fall rein? Wer entscheidet was, auf welcher Basis? Wo entstehen die Verzögerungen tatsächlich? Dieser Klärungsprozess ist unangenehm, aber er ist der wertvollste Teil der Einführung. Und er ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt.
Die zweite Lektion, die uns wirklich überrascht hat: Technologie ist selten das eigentliche Hindernis. Was Implementierungen verlangsamt oder scheitern lässt, ist fast immer eine Frage von Menschen und Strukturen. Juristen, die jahrelang auf Basis persönlicher Erfahrung und informeller Netzwerke gearbeitet haben, erleben eine Plattform, die Prozesse sichtbar und steuerbar macht, zunächst als Kontrollverlust – nicht als Gewinn. Change Management bedeutet bei JUNE deshalb vor allem: früh die richtigen internen Champions identifizieren, Erfolge sichtbar machen und den Teams zeigen, dass sie durch die Plattform nicht ersetzbar werden, sondern handlungsfähiger.
Was Prozessdesign betrifft: Wir haben gelernt, dass man nie mit dem Idealzustand beginnen sollte. Wer versucht, von Anfang an den perfekten Prozess abzubilden, verliert sich in Abstimmungsschleifen. Was funktioniert, ist ein anderer Ansatz – mit einem konkreten, schmerzhaften Problem beginnen, das alle kennen, einen funktionierenden Prozess dafür bauen und dann iterieren. Ein gutes Prozessdesign entsteht nicht am Reißbrett – es entsteht im Betrieb.
Was den Weg von ersten Use Cases zu echter Transformation betrifft: Was wir erleben, ist eine juristische Kettenreaktion – diesmal im positiven Sinne. Wenn der erste Prozess wirklich funktioniert, verändert das nicht nur den Umgang mit hohen Fallzahlen. Es verändert das Vertrauen des Teams, die Bereitschaft zur Veränderung, den Blick auf andere Prozesse. Das erleben wir bei Organisationen sehr unterschiedlicher Art. Dass ein Unternehmen wie META zu unseren Kunden zählt, zeigt, dass die Anforderungen an juristische Prozessautomatisierung längst keine Branchenfrage mehr sind. Plötzlich fragen nicht mehr wir, welche Verfahren sich automatisieren lassen, sondern die Rechtsabteilung kommt mit den nächsten Ideen. Der entscheidende Moment ist, wenn sie aufhört, JUNE als Werkzeug für einen spezifischen Verfahrenstyp zu betrachten, und anfängt, es als operative Infrastruktur zu denken. Wir begleiten diesen Prozess aktiv, weil wir wissen: Der Unterschied zwischen einer erfolgreichen Implementierung und einer, die im Sande verläuft, liegt meistens nicht in der Technologie, sondern darin, ob jemand diese Reise wirklich ernst nimmt.