Wenn Start-ups Rechtsarbeit übernehmen
Legal Tech begann als Unterstützung für Juristinnen und Juristen: Recherchetools, Dokumentenerstellung oder Prozessautomatisierung sollten die juristische Arbeit effizienter machen. Doch international zeichnet sich eine Entwicklung ab, die weitergeht.
Wir haben Stimmen aus Innovationspraxis und Verband gefragt, wohin die Reise geht:
Moritz Krüsselmann, Operational Director des Legal Tech Colab, beobachtet eine klare Bewegung im Markt. Legal-Tech-Start-ups entwickelten sich zunehmend vom reinen Tool-Anbieter hin zu Akteuren, die selbst rechtliche Prozesse übernehmen – „effizienter, digitaler und oft günstiger“. Wenn diese Entwicklung nicht durch regulatorische Hürden gebremst werde, könne sie einzelne Marktsegmente grundlegend neu ordnen. Es gehe längst nicht mehr nur um Technologie, sondern um Wertschöpfung und Marktrollen.
Alexander Laprell, Managing Director des Legal Tech Colab, verweist in diesem Zusammenhang auf internationale Trends wie Vertical Legal AI, workflow-native Produkte und datenbasierte Plattformen. Diese Innovationen seien darauf ausgerichtet, nicht neben juristischen Arbeitsweisen zu existieren, sondern integraler Bestandteil von Prozessen zu werden. „Fortschritt misst sich nicht an der Anzahl neuer Tools“, sondern an Effizienz, Qualität und konkreter Nutzbarkeit im Alltag.
Gleichzeitig bleibt der Markt fragmentiert. Maraja Fistanić, Vorstandsvorsitzende des Legal Tech Verbands Deutschland, sieht durchaus „Inseln echter Innovation“, aber noch keine flächendeckende Transformation. Nachhaltige Entwicklung erfordere Kompetenz im Umgang mit Daten, Prozessen und Technologie – und vor allem den Mut, strukturelle Veränderungen aktiv anzugehen.
Auch Stefan C. Schicker, Vorstandsvorsitzender des Legal Tech Verbands Deutschland, beschreibt den Rechtsmarkt aktuell als paradox: technologisch so weit wie nie zuvor, organisatorisch jedoch häufig noch am Anfang. Der eigentliche Engpass liege nicht in der Technik, sondern in der strategischen Verankerung und Führung.
Zwischen Start-up-Dynamik und etablierten Strukturen entsteht damit ein Spannungsfeld. Die Frage ist nicht mehr, ob Innovation stattfindet – sondern wer sie gestaltet.
Verändern neue Anbieter nur Prozesse? Oder verschiebt sich das Geschäftsmodell juristischer Dienstleistungen grundlegend? Diese Fragen – und die unterschiedlichen Perspektiven von Start-ups, Kanzleien, Wirtschaft, Justiz und Forschung – stehen im Mittelpunkt der legalXchange 2026.